Begleittexte zur Ausstellung

"Rebellion im Dorf – Düsseldorf '68"

Der Unmut wächst

Das gesellschaftliche Klima in den 60er Jahren

Während der 60er Jahre vollzog sich eine Veränderung im Denken vieler junger Menschen in der Bundesrepublik. Für die Generation nach dem Krieg galten Fleiß, Pflichterfüllung, Gehorsam, Achtung vor den öffentlichen Institutionen wie Schule, Polizei und Armee, Staat und Kirche als Tugenden. Aber die kritik- und widerspruchslose Unterordnung unter die Autoritäten wurde zunehmend abgelehnt, ebenso die herrschende rigide Sexualmoral.

Vor allem die Jugend stellte die autoritäre Politik in Frage und protestierte gegen die Regeln und Lebensgewohnheiten der Elterngeneration, was zu einem immer größer werdenden Bruch zwischen den Generationen führte. Hinzu kam, dass die jungen Menschen endlich wissen wollten, was zwischen 1933 und 1945 in ihrer Heimat geschehen ist. Sie wollten nicht länger, dass die Gräueltaten des Nationalsozialismus „unter den Teppich gekehrt wurden“.

Traditionelle Bindungen und gesellschaftliche Zwänge, die sich während der fünfziger Jahre verfestigt hatten, wurden rigoros in Frage gestellt. Die Jugend wollte soviel Freiheit wie möglich für sich haben. Sie verlangte überall im Staat nach Reformen. Der Wille zu radikaler Veränderung stieß allerdings besonders in der Arbeiterschaft und der älteren Generation auf starke Kräfte der Bewahrung des Bestehenden.

 

Explosive Jahre

1968 - Das Jahr, das länger als 12 Monate dauerte

„1968“ begann nicht erst im Januar, sondern Jahre zuvor. Die Jahreszahl markiert eine Zäsur im Nachkriegsdeutschland und veränderte das gesellschaftliche Klima und die politische Kultur bis in die heutige Zeit hinein. Und das Phänomen 68 zeigte sich weltweit, allerdings mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten. In vielen Ländern kritisierten junge Menschen in den 60er Jahren die Lebensansichten ihrer Eltern und die gesellschaftlichen Entwicklungen und forderten Veränderungen, z.B. bei der Hochschulpolitik.

Die Welle des radikalen Protestes konzentrierte sich in Deutschland insbesondere auf Berlin und Frankfurt. Das Jahr 1968 steht als Chiffre für eine Zeit des Umbruchs und gesellschaftlichen Aufbruchs. Die damaligen Proteste der jungen Generation richteten sich gegen das in den 60er Jahren in Deutschland vorherrschende restaurative Gesellschaftsklima und gegen althergebrachte Leitwerte wie Gehorsam, Disziplin, Pflichterfüllung und Autorität.

Stattdessen galten Demokratie, Frieden, Freizügigkeit, Antiimperialismus und Solidarität als Ideale. Themen des Protestes gegen die etablierten Autoritäten waren die starren gesellschaftlichen Strukturen, der Vietnamkrieg, die rigide Sexualmoral und die Nichtaufarbeitung des Nationalsozialismus. Um die 68er-Bewegung ranken sich bis heute zahlreiche Mythen.

 

Chronik der Ereignisse

Proteste weltweit

Die 60er Jahre waren in vielen Ländern und Kulturkreisen geprägt von zivilgesellschaftlicher Unruhe, Protesten und Revolten mit jeweils national verschiedenen Auslösern, Schwerpunkten, Motiven und Verlaufsformen. Es war eine Epoche des Auf- und Umbruchs, der Befreiungsbewegungen und der Emanzipation. In den USA kam es zu Demonstrationen gegen den Rassismus und den Vietnamkrieg.

Teilweise gewalttätige Auseinandersetzungen fanden insbesondere nach der Ermordung des schwarzen Bürgerrechtlers Martin Luther King am 4.4.1968 statt. In Frankreich lieferten sich Studenten im Mai 1968 Straßenschlachten mit der Polizei, Arbeiter besetzten Betriebe, und schließlich organisierten die Gewerkschaften einen Generalstreik, an dem Millionen von Arbeitern teilnahmen und der das Land für drei Wochen quasi lahmlegte.

Der sogenannte „Prager Frühling“ in der Tschechoslowakei verhieß einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, wurde aber von den Truppen des Warschauer Paktes brutal beendet. Demonstrationen in Amsterdam, Ankara, Athen, Belgrad, Berkeley, Brüssel, Chicago, Dakar, Istanbul, Kopenhagen, Lissabon, London, Madrid, Mailand, Manila, Mexiko, New York, Rio de Janeiro, Rom, Sydney, Tokio, Venedig, Warschau, Washington und Zürich wurden als Teil einer sozialistisch inspirierten weltweiten „Friedensbewegung“ verstanden.

 

Aufbruch in Düsseldorf

Die Rebellion im (Düssel-) Dorf

Anträge, Diskussionen und Entscheidungen zu Notstandsgesetzen, zum NATO Doppelbeschluss oder zum Paragraph 218 der Bundesregierung, ebenso wie die Ermordung von Benno Ohnesorg und der Mordversuch an Rudi Dutschke riefen bundesweite Protestaktionen hervor, besonders in Berlin aber auch in in anderen Großstädten wie Düsseldorf. So kam es im Juni 1967 zu einem Schweigemarsch für Benno Ohnesorg auf der Berliner Allee. Natürlich beteiligten sich auch Düsseldorfer an den Protestaktionen gegen die Ereignisse in Vietnam, Kuba und in der Tschechoslowakei. Aber als im Mai 1967 das persische Kaiserpaar  Düsseldorf besuchte, gab es zwar ein großes Polizeiaufgebot, von den Bürgern jedoch keine größeren Störungen. Um all diese Aktionen besser zu koordinieren, wurde der Verein „Das Republikanische Centrum Düsseldorf“ unter der Leitung von Hans Peter Alvermann gegründet.

Regierung und Landtag von Nordrhein-Westfalen mit Sitz in der Landeshauptstadt Düsseldorf waren Ziel verschiedener Demonstrationen und Aktionen gegen die Bildungspolitik als Ländersache. Aktiv waren hierbei im wesentlichen die Studenten der neu gegründeten Universität Düsseldorf, die sich im ASTA organisiert hatten, aber auch die Ingenieur Studenten der Fachhochschule. Bei einer Demonstration gegen das neue Hochschulgesetz legten 1968 8000 Studenten den Verkehr lahm.

In der Kunstakademie Düsseldorf waren es Beuys und andere Lehrer, die gegen die restriktiven Bestimmungen agierten und sich für die Mitbestimmung der Studenten einsetzten. Beuys und Stüttgen gründeten mit diesem Ziel 1967 die Deutsche Studentenpartei, die spätere „Fluxus Zone West“. Die Gründung einer „Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“ an der Kunstakademie durch Beuys sowie andere Aktionen führten schließlich zu seiner Entlassung.

Die Proteste gegen das herrschende Bildungssystem und für Mitbestimmung in der Schule und reduzierte Schülertarife für den ÖPNV werden von auch den Schülern aufgenommen. Hier ist besonders das Comenius Gymnasium in Oberkassel zu nennen, das 1986 einen erste Schülerzeitschrift „Comene“ auflegt. 1969 organisieren sich die Schüler als „Antiautoritäre Schüler und Studenten Düsseldorfs“ (ASSD), 1971 kommt es dann zur Gründung des Zentralrats Düsseldorfer Schüler.

Als Anfang 1968 in Düsseldorf die Wohnraumbewirtschaftung aufgehoben und Düsseldorf zum „Weißen Kreis“ mit freier Mietgestaltung wurde, kam es angesichts steigender Mietpreise, bes. für Studenten, zu einer drastischen Steigerung der Wohnungsnot. Erste Wohnungsbesetzungen durch Studenten folgen. 1973 organisiert sich der Verein „Aktion Wohnungsnot“ gegen Stadtzerstörung, Wohnraumnot, Spekulantentum, Mietwucher und Sanierung.

Die 68er Rebellion im (Düssel-) Dorf verläuft „rheinisch“- nicht so aggressiv wie in Berlin: Es gibt zwar Demonstrationen und Zwischenfälle mit Polizeieinsatz aber es sind keine Toten zu beklagen. Landtag und Landesregierung werden nicht tatsächlich gestürmt aber man verletzt die Bannmeile und schleppt ein ausgebranntes Autowrack vor das Ministerium. Den Wohnungsbesetzern werden schließlich leerstehende Häuser angeboten, die sie allerdings renovieren und zu einem kleinen Preis anmieten müssen.

 

´68er Kunstszene

Die Düsseldorfer Kunstszene 1965 -1975

Düsseldorf wurde in diesen Jahren mit seiner Kunstakademie einflussreiches Zentrum der Kunstszene. In Düsseldorf eröffneten in dieser Zeit die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, die Kunsthalle und der Kunstverein und an der Kunstakademie zog Joseph Beuys 1961 mit seiner Berufung zum Professor für Bildhauerei bis in die 1970er Jahre Studenten und unabhängige Künstler an.

Akademieschüler Günther Uecker, Heinz Mack und Otto Piene hatten bereits in den frühen 60er Jahren die international einflussreiche Gruppe Zero gegründet. Wenn wir von der „Düsseldorfer Kunstszene“ sprechen, meinen wir vor allen Dingen ein spezielles Umfeld, das sich um einige Orte gruppierte: Lokale, Straßen, Galerien, Ateliergemeinschaften und Institutionen. Zu den Charakteristika der 1960er Jahre gehörte, dass die Kunst nicht nur in den traditionellen Foren und Institutionen anzutreffen war.

Beuys' erweiterter Kunstbegriff und seine Aktionen gingen um die Welt, in seiner Klasse waren Schüler wie Jörg Immendorff, Katharina Sieverding, Imi Knoebel, Anatol und der früh verstorbene Blinky Palermo. Konrad Klapheck, Gotthard Graubner, Klaus Rinke und die zu internationalen Stars aufgestiegenen Maler Gerhard Richter und Sigmar Polke besuchten ebenfalls die Akademie. Die Künstler wurden wichtige Wegbereiter des Revolutionären. Für Joseph Beuys waren Kunst und Politik untrennbare gesellschaftliche Bereiche. In seinen Augen war Kunst ein gesellschaftspolitisches Statement.

 

Ein revolutionärer Künstler - Joseph Beuys

Er wurde 1921 in Krefeld geboren und lebte bis zur Aufnahme seines Studiums in Kleve. Zum Sommersemester 1946 immatrikulierte sich Beuys an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf und wurde 1951 Meisterschüler von Ewald Mataré. Er beendete das Studium nach dem Wintersemester 1952/1953 im Alter von 32 Jahren. 1954 bezog Beuys ein eigenes Atelier in Düsseldorf-Heerdt, das er bis Ende 1958 nutzen konnte. Im März 1961 zog Joseph Beuys, unter Beibehaltung seines Klever Ateliers, nach Düsseldorf-Oberkassel zum Drakeplatz 4. 1961 wurde er mit einstimmigem Beschluss des Akademiekollegiums auf den „Lehrstuhl für monumentale Bildhauerei der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf“ berufen, den er am 1. November 1961 antrat.

Aktionen bildeten bald das Zentrum des künstlerischen Werks von Joseph Beuys. Sie boten ihm die Möglichkeit, Objekt und Skulptur, Raum und Zeit, Zeichnung und Sprache, Körper und Musik im Rahmen einer Handlung miteinander zu verbinden. In den Aktionen näherte er sich dem von ihm propagierten 'Erweiterten Kunstbegriff' an, den er von einem auf einzelne Werke konzentrierten Kunstverständnis abgrenzte. Vor allem in seinen Aktionen sah Beuys sich seinem Ziel nahe, eine 'Soziale Plastik' zu schaffen. Das kreative Handeln jedes Menschen sollte Kunst schaffen, und die Kunst sollte die Gesellschaft verändern. Beuys wagte es, allen Menschen schöpferische Fähigkeiten zuzubilligen. Er glaubte, mit Kunst den Lernwilligen zur geistigen Mündigkeit zu verhelfen.

Beeinflusst vom Attentat auf Benno Ohnesorg in Berlin gründete Joseph Beuys am 22. Juni 1967 die Deutsche Studentenpartei vor der Düsseldorfer Kunstakademie zusammen mit seinem Meisterschüler Johannes Stüttgen im Beisein von rund 200 Studenten und Journalisten. Es war der Auftakt zum „erweiterten Kunstbegriff“, aber auch der Anfang seines Endes als Landesbesoldeter. Die Studentenpartei wurde später umbenannt in „Organisation der Nichtwähler, Freie Volksabstimmung“. Sie hatte seit 1970 ein eigenes Infobüro auf der Andreasstraße 25 in der Altstadt.

Beuys sah die Aufgabe der Organisation in der politischen Information, der Diskussion und einer konkreten Organisation von Volksabstimmungen. Er wollte verdeutlichen, dass eine funktionierende Demokratie den Willen zur Gestaltung und die Fähigkeiten einer Mehrheit benötigt. Mit der Gründung der „Freien Internationalen Hochschule für Kreativität und Interdisziplinäre Forschung“ stellte Beuys 1971 die LIDL-Anfänge seines ehemaligen Schülers Jörg Immendorff auf eine breitere, internationale Basis.

Akzeptanz intuitiv erlangten Wissens war ein Teil des von Beuys vertretenen neuen Bildungsverständnisses, das ein zentraler Aspekt seines politischen Konzepts war. Damit thematisierte der Künstler eines der wichtigsten Anliegen vieler Gruppierungen der 68er Bewegung. Eine neue Gesellschaft und eine neue Form der Demokratie waren für ihn nur denkbar, wenn auch Lehrpläne, institutionelle Strukturen, in denen Bildung vermittelt wurde, sowie die Definition dessen, was Wissen sei, reformiert oder gar revolutioniert werden. Seine Kritik am Bildungssystem manifestierte sich auch in dem Zulassungsstreit für Studierende an der Düsseldorfer Kunstakademie. Beuys nahm Studenten in seine Klasse auf, die den offiziellen Auswahlkriterien nicht entsprachen. Seine Utopie scheiterte, die Akademie konnte die Studentenmassen nicht aufnehmen, am 10. Oktober 1972 setzte ihn der damalige Wissenschaftsminister Johannes Rau vor die Tür.

In den nachfolgenden Tagen reagierten die Studenten der Akademie mit Hungerstreiks, einem dreitägigen Vorlesungsboykott, Unterschriftenaktionen, Transparenten („1000 Raus ersetzen noch keinen Beuys“) und Informationswänden über die Ereignisse. Zahlreiche Protestbriefe und Telegramme aus aller Welt erreichten das Wissenschaftsministerium. Die Resonanz in Rundfunk, Fernsehen und Presse war groß. In einem offenen Brief forderten Künstlerkollegen, unter ihnen die Schriftsteller Heinrich Böll, Peter Handke, Uwe Johnson, Martin Walser sowie die Künstler Jim Dine, David Hockney, Gerhard Richter und Günther Uecker die Wiedereinsetzung eines der bedeutendsten Künstler der deutschen Nachkriegszeit.

Am 20. Oktober 1973, etwa ein Jahr nach seiner Entlassung, überquerte Beuys in einem von seinem Meisterschüler Anatol Herzfeld gebauten Einbaum den Rhein vom Ufer des Stadtteils Oberkassel zum gegenüberliegenden Ufer, wo sich die Kunstakademie befindet. Diese „Heimholung des Joseph Beuys“ als spektakulärer symbolischer Akt erregte großes öffentliches Interesse. Später bekam Beuys zwar seinen Raum, nicht jedoch seinen Lehrstuhl zurück.

1979/80 war Joseph Beuys an der Gründung der Partei „Die Grünen“ beteiligt, wurde aber nicht als Bundestagskandidat aufgestellt. Am 23. Januar 1986 verstarb Joseph Beuys mit 64 Jahren in seinem Atelier am Drakeplatz 4 in Düsseldorf-Oberkassel nach einer Entzündung des Lungengewebes an Herzversagen. Er wurde am 14. April 1986 auf See bestattet.

 

Die LIDL-Akademie

Jörg Immendorff, ab 1964 ein Schüler von Joseph Beuys, wollte künstlerische und politische Konzepte verbinden und sie einem Publikum außerhalb des Kunstbetriebs zugänglich machen. Die Kunst sollte sich außerdem an der 68er Revolte beteiligen. Dazu schuf er zusammen mit seiner Frau, der Künstlerin Chris Reinecke, ein Forum in der Altstadt, wo politische Veranstaltungen, Filmvorführungen, Dichterlesungen und Kunstaktionen unter Beteiligung vieler Künstler stattfanden.

Das Ehepaar verstand sich nicht nur als Künstler, sondern auch als Agitatoren und Vorreiter im politischen Kampf. Am 2.12.1968 wurde auf dem Flur der Kunstakademie die LIDL-Akademie von Immendorff und 25 Gleichgesinnten ausgerufen. Am 31.1.1969 demonstrierte Immendorff mit einem schwarz-rot-goldenen Holzklotz am Bein mit der Aufschrift LIDL vor dem Bonner Bundeshaus. Als die Polizei eingriff, hängte er sich noch einen weiteren Klotz um den Hals.

Immendorff wurde nach dieser Protestaktion einem Verhör des Verfassungsschutzes unterzogen. Im Mai veranstaltete die LIDL-Akademie u eine Arbeitswoche, die jedoch aufgrund eines Verbotes des Direktors der Kunstakademie nicht in der Akademie stattfinden konnte. Trotz mehrtägiger Schließung des Akademiegebäudes fand die LIDL-Arbeitswoche statt, nur eben vor dem Akademiegebäude. Immendorff gründete später in Oberkassel auf dem Greifweg 51 eine private Malschule als LIDL-Akademie Stützpunkt 1“. 1970 löste sich LIDL endgültig auf.

 

Hotspot Creamcheese

Aus New York brachte der Düsseldorfer Zero-Künstler Günther Uecker die Idee mit, ein Tanzlokal in Düsseldorf zu gestalten, das Licht, Ton, visuelle Effekte und einen progressiven Musikstil experimentell zusammenführen sollte. Zusammen mit dem Filmemacher Lutz Mommartz und dem Medienkünstler Ferdinand Kriwet konzipierte Uecker das Creamcheese, das im Juli 1967 in der Düsseldorfer Altstadt auf der Neubrückstraße unter Leitung von Achim und Bim Reinert eröffnet wurde.

Der Ort wurde zu einem Gesamtkunstwerk, an dem u.a. auch Künstler wie Gerhard Richter, Daniel Spoerri und Heinz Mack beteiligt waren. Die Inneneinrichtung bestand u.a. aus einer 20 Meter langen Theke mit Spiegel-Lamellen Rückwand von Mack, aus 24 Fernsehern, einer Tanzfläche und Kunstobjekten wie dem überdimensionalen Nagel von Uecker. Hier fanden Theateraufführungen, avantgardistische Modeschauen, Lesungen, Konzerte legendärer Bands wie Kraftwerk und Aktionen statt.

Das Creamcheese stand gleichsam für eine Demokratisierung der Kunst, für eine Verflechtung ihrer Formen jenseits etablierter Präsentationsformen wie Galerien, Museen, Theater oder Konzertsäle. Den Namen verdankt die Lokalität Frank Zappa und seinen „Mothers of Invention“ und ihrem Song „Son of Suzy Creamcheese“. 1976 musste das Creamcheese schließen. Der Creamcheese e.V. lässt das legendäre Lokal zweimal im Jahr in Form einer Revival-Party aufleben.

 

Eat Art im Spoerri

Neben dem berühmten Creamcheese, das mit seiner wilden Mischung aus Bar, Disko und Kunstgalerie alle Genre-Grenzen sprengte und weit über das Rheinland hinaus Akzente setzte, gab es in Düsseldorf ein weiteres Bohème-Lokal. Am 17.6.1968 eröffnete der Schweizer Künstler Daniel Spoerri am Burgplatz 19 mit Carlo Schröter als Geschäftsführer das Restaurant Spoerri. Es avancierte aufgrund seiner Einrichtung, Menügestaltung und außergewöhnlichen Events bald zu einer Kultstätte.

Daniel Spoerri gilt als Erfinder der "Eat Art", einer aus Lebensmitteln erzeugten Kunst. In dem im ersten Stock gelegenen Restaurant, das tapeziert war mit Spoerris Korrespondenz, verkehrten nicht nur berühmte Musiker wie Frank Zappa oder Jimi Hendrix, wenn sie in Düsseldorf ein Gastspiel hatten, sondern hier traf sich alles, was damals in der Düsseldorfer Kunst- und Werbeszene einen Namen hatte.

Joseph Beuys, Günther Uecker, André Thomkins und viele andere aus dem Umfeld der Akademie gönnten sich in der Kunstkneipe eine warme Mahlzeit, diskutierten am Tresen im Parterre und stellten ab 1970 dann schließlich auch in der angeschlossenen Eat Art Galerie im zweiten Stock aus. Die Galerie wurde von Hete Hünermann, einer Schwester Gabriele Henkels geleitet. Im Restaurant Spoerri gab es „die besten Steaks der Stadt“, aber auch exotische Gerichte wie etwa Pythonschnitzel, Ameisenomelettes oder Elefantenrüssel-Steaks, die mutige Gäste um einige Geschmackserfahrungen reicher machten.

 

Chris Reinecke - Häkeln für die Kunst

Chris Reinecke wurde 1936 in Potsdam geboren und hatte bereits in Paris und Düsseldorf Malerei studiert, als sie 1964 den einige Jahre jüngeren Kunststudenten Jörg Immendorff in Düsseldorf kennenlernte, den sie bald heiratete. Die Akademie befand sich zu dieser Zeit im Umbruch: Joseph Beuys förderte die Fluxusbewegung, arbeitete selbst an der Erweiterung des Kunstbegriffs. Reinecke und Immendorff ließen sich anstecken, kreierten ihren Austritt aus der Kunst. Sie wollten heraus aus den Institutionen und eine eigene Akademie gründen, in der sie frei mit Besuchern, Studenten oder Schülern umgehen konnten. Dazu gehörte Reineckes Utopie einer kollektiven Kunst.

Als gemeinsame Unternehmung gründeten Reinecke und Immendorff am 15./16. November 1968 das genannte Lidl-Projekt. Der Begriff »Lidl« ist zu dieser Zeit noch nicht von einer europaweiten Supermarktkette vereinnahmt, sondern stellte einen bedeutungsfreien Zweisilber in dadaistischer Tradition dar. Das Projekt umfasste Aktionen, Veranstaltungen, Ausstellungen und Fluxusinteraktionen in dichter Folge bis in den Sommer 1970, die einem veränderten, sozial- wie gesellschaftspolitisch ausgerichteten Kunstbegriff folgten.

Vorläufer der Lidl-Aktivitäten war der Aktionsabend "Frisches", den Reinecke und Immen-dorff 1966 noch in ihrer Privatwohnung veranstalteten. An der Wand hing ein Lattengerüst, auf dem sieben Körperfragmente aufgehängt waren, die von den Besuchern beliebig zusammengestellt werden konnten. Heute prominente Künstler waren eingeladen: Beuys, Franz Erhard Walther, Nam June Paik und Charlotte Moorman. Im Frühjahr 1968 eröffnete das Paar den "Lidl-Raum", ein Tanzraum in Düsseldorf.

Sinnliche Wahrnehmung war schon vor Lidl ein zentrales Thema von Chris Reinecke. Das zeigen ihre Umgebungskleider, die sie 1967 vorführte. Die aus durchsichtiger Plastikfolie bestehenden Kleider sollten von Besuchern angezogen und beschriftet werden. "Derjenige, der das anzog, der konnte sich darauf die Umgebung notieren lassen: riechen, hören, schmecken. Das haben die Leute auch mitgemacht." Chris Reinecke brachte im Lidl-Raum Männern das Häkeln bei und Frauen das Löten: Animation zum Rollentausch ohne femini-stische Programmatik. In ihren Werken arbeitete sie auch mit Garnfäden und Häkeltechnik.

Nachdem sich im Sommer 1970 die lose Gruppierung aufgelöst hatte, arbeitete Reinecke   im „Büro Olympia“ weiter, das in der Folge zur sozial aktiven Mieternotgemeinschaft in der Neubrückstrasse 14 in Düsseldorf residierte. Der ehemalige Lidl-Raum wurde zur Anlaufstelle für Bürgerinitiativen und für wohnungssuchende Studenten. Reinecke half bei der Beantragung von Wohngeld und klärte über skandalöse Wohnverhältnisse auf. 1971 machte sie ihren Austritt aus der Kunst für mehr als zehn Jahre wahr, reiste nach Griechenland und Italien und arbeitete als Kunstlehrerin in Düsseldorf. Erst 1984 nahm sie ihre künstlerische Tätigkeit wieder auf und schuf zarte, fast surreale Zeichnungen, Papiercollagen und Objekte.

Chris Reinecke gehörte zu den Pionierinnen einer avangardistischen Gegenkunst. Doch während die Kinder der '68er-Bewegung die Hinwendung zum Sozialen als Strategie nutzten, um sich weiterhin als Künstler zu positionieren, verlor Chris Reineke das eigene Werk lange Zeit aus dem Blick. Sie machte keine Kompromisse. Ihre Radikalität in dieser Sache war beispiellos.

 

Jörg Immendorff, der Provokateur

Er studierte in den 1960er-Jahren an der Kunstakademie Düsseldorf zuerst Bühnenbild bei Teo Otto und anschließend ab 1964 Kunst bei Joseph Beuys. Ausgehend von der Studenten- und Protestbewegung in den 60ern war Immendorff Maoist. Das war damals schick. Für die Malerei sah er damals kein Existenzrecht mehr. Alle Kunst sollte sich sozial und politisch engagieren. Sein Lehrer Josef Beuys ermunterte ihn dazu.

Gemeinsam mit Chris Reinecke, die er 1965 kennenlernte und später heiratete, gründete er 1968 das Aktionsprojekt „LIDL“. Immendorff sorgte für Aufsehen, indem er sich bei seiner ersten „LIDL“-Kunstaktion einen schwarz-rot-goldenen Klotz ans Bein band und damit bis zum Einschreiten der Polizei vor dem Bundestag auf und ab lief. Seine provokanten neodadaistischen Aktionen führten 1969 schließlich zu einem Verweis von der Akademie.

Während und nach seiner Studienzeit engagierte sich Immendorff politisch in der APO (Gruppe „Mietersolidarität“ in Düsseldorf) und wurde Mitglied der maoistischen KPD/AO, für die er Flugblätter grafisch gestaltete. Von 1968 bis 1981 arbeitete Immendorff als Kunstlehrer (von 1971 bis 1981 an der Dumont-Lindemann-Hauptschule in Düsseldorf), bevor er sich ganz der freien Kunst widmete. Er malte – im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Malern, die sich nach 1945 der gegenstandslosen Kunst zuwandten – schon früh gegenständliche Bilder mit politisch-gesellschaftskritischen Inhalten.

Bekannt wurde Immendorff vor allem durch eine Serie von 16 großformatigen Bildern, die „Café Deutschland“ betitelt sind. Als Vorbild für die Räume in den „Café Deutschland“-Bildern diente die Düsseldorfer Diskothek „Revolution“. Immendorff liebte die große Oper, den starken Auftritt. "Ich habe ja in meinen Jugendjahren mit klassischem Ballett begonnen und hatte immer eine Affinität zur Bühne und zur Oper. Irgendwie habe ich dann im weiteren Verlauf in meiner Arbeit das Szenische und auch das Dirigieren mit dem Pinsel beibehalten", sagte er einmal in einem Interview. Diese Auffassung von der Welt als Bühne wurde von Jörg Immendorff durch seinen Lehrer Teo Otto Anfang der 60er-Jahre geweckt.

Immendorff starb am 28.5.2007 in Düsseldorf an der Nervenkrankheit ALS.

 

Folk, Rock & Psychedelia - Vinyl-Schätzchen der 60er Jahre

Pop und Protest

Noch nie vorher waren politische Proteste und das allgemeine Lebensgefühl so stark von der Musik geprägt worden wie Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre. Schon in den frühen 60er Jahren waren die Beatles und die Rolling Stones popkulturelle Vorbilder und Symbole einer rebellischen Jugend. Durch die Rock- und Popmusik beflügelt bildete sich eine alternative Jugendkultur heraus, deren Kennzeichen bei den Männern lange Haare, bei den Frauen die Miniröcke waren, Jeans und eine Ablehnung jeden Spießertums.

Dabei ging es weniger um Systemveränderungen wie bei den studentischen Politgruppen, sondern eher um die Veränderung des einzelnen Menschen durch Spiritualität, Spontanität und Kreativität. In der Musik waren es damals "Die Doors”, Janis Joplin oder Joe Cocker, Ravi Shankar oder Santana, die ein Lebensgefühl des Ungehorsams gegen den Staat und ungeahnter Freiheiten vermittelten. Die ausgedehnten Theoriedebatten der 68er übten auf viele Jugendliche damals keine große Anziehungskraft aus.

Erst durch die Verbindung von „Flower Power“, der Hippie- und Subkultur, Rock- Beat- und Popmusik mit Rebellion und Provokation entstand eine neue politisch-ästhetische Jugendkultur, die viele junge Menschen weltweit in ihren Bann zog. Das Woodstock Festival im August 1969 galt als Höhepunkt und gleichzeitig als Endpunkt der nunmehr im kommerzialisierten Mainstream angekommenen US-amerikanischen Hippie- und Protestbewegung.

 

Mini und Maxi

Mode als Provokation

Während Studenten und Bürgerrechtler für mehr Freiheit kämpften, begannen allmählich auch die Frauen sich zu emanzipieren und erlangten durch die Entwicklung der Pille sexuelle Selbstbestimmung. Plötzlich waren sie keine Heimchen am Herd mehr, sondern konnten sich selbstbewusst und frei fühlen. Mit ihrer Kleidung und ihrem freizügigen Verhalten wollten sich die jungen Frauen gegen das traditionelle Rollenbild und gegen die verstaubten Vorstellungen ihrer Eltern wehren.

Statt züchtiger, wadenlanger Kleidern trugen sie kurze Röcke und Kleider, weite Pullis und Hosen. In den USA entstand, getrieben vom politischen Umschwung und als friedlicher Protest gegen die militärischen Aktivitäten des Landes, am Ende der 60er Jahre die Hippie-Bewegung. Durch Sitzstreiks und Demonstrationen forderte die junge Generation Frieden und Freiheit für die Welt. Auch das berühmt berüchtigte Woodstock-Festival folgte dem Motto "Make love not war".

Typisch für die Mode der späten 60er und frühen 70er Jahre sind wallende Kleider, Blumenmotive und große Sonnenbrillen. Mitte des Jahrzehnts entstand eine Gegenbewegung zum naturbezogenen Hippie-Style: die Disco-Mode mit funkelnden Overalls, schwindelerregenden Plateau-Schuhen und den obligatorischen Schlaghosen in schrillen Farben und krassen Mustern. Damit ernteten die Träger und Trägerinnen bei der älteren Generation abschätzige Blicke und verständnisloses Kopfschütteln.

 

Protestsongs statt Schnulzen

Einen einheitlichen Musikgeschmack gab es in den 60er Jahren nicht. In Deutschland standen damals die volkstümlichen, noch den Mief der fünfziger Jahre ausströmenden Schlager hoch im Kurs. Aber auch die englischsprachigen Songs hatten ihre Anhänger. Daneben gewannen in den frühen 60er Jahren politische Lieder in Deutschland große Bedeutung, vor allem im Zuge der Ostermarsch-Bewegung, die in Deutschland 1960 begann.

Man griff auf das Liedgut der französischen Revolution und der Revolution von 1848 zurück. Auch die amerikanische Folk- und Protestszene beeinflusste die deutschsprachigen Liedformen. Zum Mekka der Folk- und Liedermacherszene entwickelte sich 1964 bis 1969 das „Festival Chanson Folklore International“ auf der Burg Waldeck im Hunsrück. Die Festivals auf der Burg Waldeck waren die ersten Open-Air-Festivals in Deutschland und bedeuteten für viele Künstler den Start ihrer Karriere, so z. B. für Dieter Süverkrüp, Franz Josef Degenhardt, Hannes Wader, Dieter Hüsch, Reinhard Mey.

Mit seinen zeit- und sozialkritischen Liedern prägte insbesondere Degenhardt die Protestkultur der späten 60er und der 70er Jahre. Einer seiner größten Erfolge war das Lied „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“, in dem er 1965 die bürgerliche Selbstgefälligkeit verspottete. Süverkrüp kritisierte in seinen Liedern z.B. die Notstandsgesetze, den Militarismus und den Kapitalismus.

 

Bürgerinitiativen

 

Die Spielplatzgruppe in Heerdt

1972 waren die wilden Spielbereiche unserer Kinder, die wir Eltern „Niemandsländer“ nannten, ausgestorben. Die Kinder sollten gefälligst dort spielen, wo sie eingeplant sind. Übrig blieb eine Monokultur der rechten Winkel. Eingezwängte Kinder machten sich gewaltsam Luft. Abgebrochene Zweige, geköpfte Tulpen und umgestürzte Bänke signalisierten die unterdrückten Bedürfnisse. Sie machten den miesen Zustand augenfällig. Es bildete sich die Spielplatzgruppe Heerdt. Wir beschlossen, die versteinerte Umwelt in unserem Stadtviertel, auch gegen alle Widerstände, selbst zu verbessern. Auf der hausnahen, alten Müllkippe wollten wir ein „Niemandsland“ schaffen, das den Bedürfnissen unserer Kinder gerecht würde, mit Vielfalt und Kleinzelligkeit, mit Beerensträuchern, Ecken zum Verstecken und einem Naturteich.

Die Politik veränderte nichts. Das  reichlich trostlose Stadtviertel Heerdt war von Gewerbe und Industrie durchzogen, durch laute Straßen und Emissionen belastet. Für Spaziergänge im Grünen gab es lediglich den Friedhof oder die Rheinwiesen. Die Bürgerinitiative schaffte Abhilfe. Wir bauten das Niemandsland und planten mit beim Freizeitpark. Wir knüpften ein hilfreiches Netz von Beziehungen. Es entstanden wertvolle Familienfreundschaften, eine gute Voraussetzung für gemeinsame Veränderungen im Stadtteil.

Heute durchziehen zwar Grüne Inseln unseren Stadtteil, aber gleichzeitig wird der Stadtteil Heerdt immer stärker durch zunehmenden Autoverkehr und Emissionen belastet. Es reicht nicht mehr, nur für „Niemandsländer“ zu kämpfen. Wir müssen uns verstärkt engagieren, um unsere Vorstellungen von einem lebenswerten Stadtteil in die Planung einzubringen. Wir brauchen intelligente Entwicklungskonzepte, die die Mobilität in allen Bereichen verbessern und eine humane Umwelt garantieren.

 

Aktion Wohnungsnot e.V.

Auch in den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts war in Düsseldorf der Bedarf an bezahlbaren Wohnungen wesentlich größer als das Angebot. Im Oktober 1970 gründete sich mit Unterstützung der Künstler Jörg Immendorff und Chris Reinecke, das Aktionsprojekt „Mietersolidarität“, um auf den Wohnungsnotstand und die Benachteiligung der weniger einkommensstarken Schichten auf dem Wohnungsmarkt aufmerksam zu machen. Fast 20.000 Düsseldorfer sympathisierten durch ihre Unterschrift mit der Aktion.

An der Universität und der Fachhochschule bildete sich 1970 die „Aktionsgruppe Studentische Wohnungsnot“, die durch Verhandlungen mit der Stadt erreichte, dass das Haus Neusser Straße 65 den Studenten übergeben wurde. Am 11. Januar 1973 wurde dann die „Aktion Wohnungsnot e.V.“ (AWN) gegründet. Das Liegenschaftsamt überließ daraufhin den Mitgliedern des AWN, vor allem Studenten, Schülern und Auszubildenden, 16 Abbruchhäuser zur mietfreien Nutzung.

Die anfallenden Kosten mussten die Mieter selbst übernehmen. Bis Ende 1974 konnte die AWN ca. 130 Mitglieder in den zum Abbruch bestimmten Häusern unterbringen. Nach diversen Umstrukturierungen des Vereins übergab die Stadt im Jahr 1981 zum letzten Mal der AWN Wohnungen auf der Kiefernstraße zur Nutzung. Als es zu Besetzungen der noch leerstehenden Wohnungen kam, stellte die Stadt der AWN ein Ultimatum, was ignoriert wurde. Daraufhin kam es zum Ende der Zusammenarbeit zwischen Stadt und AWN und zur Auflösung der AWN.

 

Antiautoritäre Erziehung/Kinderläden

Nicht nur das machen, was andere vorgeben, sondern lernen, das zu tun, was man selbst will – das ist das emanzipatorische, repressionsfreie Erziehungsprinzip, das sich als Folge der 68er verbreitete. Viele Eltern lehnten die autoritären Erziehungsmethoden der regulären Kindergärten ab. Zudem herrschte ein eklatanter Mangel an Kindergartenplätzen. Das führte seit Ende der 60er Jahre dazu, dass immer mehr Elternkollektive Kinderläden gründeten, in denen mit modernen Erziehungsmodellen experimentiert wurde.

Die ersten entstanden in Frankfurter und Berliner Studentenkreisen. Hinter allen Erziehungskonzepten stand das Ziel, Kinder zu mündigen, selbstbestimmten sowie kritischen Menschen zu erziehen. Durch den Bruch mit der Kultur des Gehorsams und die radikale Ablehnung von Autoritäten sollten die Kinder zur Eigenverantwortung und auch zum Widerstand befähigt werden. So wollte man sie davor bewahren, faschistischen Ideologien zu verfallen.

Ein besonderer Impuls ging von den Theorien und Erfahrungen des britischen Pädagogen A.S. Neill aus. Die heute oft geschmähte antiautoritäre Erziehung bedeutete allerdings nicht unbedingt, dass Kinder ohne Regeln und sich selbst überlassen aufwachsen sollten („Laissez-faire“), sondern dass sie sich in Geborgenheit und einem stabilen Bezugsrahmen freiheitlich entwickeln können. In den 70er Jahren setzte sich auch in den traditionellen Kindergärten allmählich ein nicht-autoritärer Erziehungsstil durch.

 

„Revolte in der Revolte“: Die Neue Frauenbewegung

Geboren aus der „Revolte in der Revolte“: Die Neue Frauenbewegung

Eine „Revolte in der Revolte‘ auf dem Delegiertenkongress des SDS stand im September 1968 in Frankfurt am Beginn der neuen Frauenbewegung. In einer flammenden Rede hatte die Genossin Helke Sander vom „Aktionsrat zur Befreiung der Frauen“ die Verhältnisse beschrieben, die Frauen daran hinderten, sich an der Gestaltung von Gesellschaft und Politik im gleichen Maße zu beteiligen wie die Männer und folgerichtig die Aufnahme dieser Befunde in die Agenda verlangt.

Als die Genossen nach dem Antrag kommentarlos in der Tagesordnung fortfuhren, flogen die legendären Tomaten, und die Frauen verließen empört das Plenum. Ihnen war klar geworden, dass sie selber für Veränderung sorgen müssen - ohne Männer. Die hinderlichen Verhältnisse fanden die Frauen in ihrem Alltag vor. Sie alleine waren per Gesetz zuständig für Haushalt und Kindererziehung, Die Männer führten das Wort, sowohl in der Gemeinde als auch in der Familie.

Erst allmählich wurden die Frauen sich dieser Missverhältnisse bewusst und machten das Private öffentlich und damit politisch. Sie lenkten den Fokus auf sich selber, auf ihren Platz in der Gesellschaft und traten den zähen und unermüdlichen Kampf um die ihnen zustehenden Rechte in den Jahren nach 1968 an. Und der Kampf der Frauen ist auch heute noch nicht beendet.

 

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